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Anfang Mai, bei unserem Wochenende „Resilienz für Kriegsenkel in beruflicher Verantwortung“ am Benediktushof, entstand aus der Dynamik des Geschehens heraus ein neuer Schreib-Impuls:

Um die Wende vom Leiden an den eigenen Beschädigungen hin zur Ressourcenperspektive zu unterstützen, lud ich die Teilnehmenden ein, spontan einen Liebesbrief an ihre „Macke“ zu schreiben. An ihren Schatten, ihre Schwäche, die eigene „Unperfektheit“; an das, was sie am meisten nervt und am leichten Leben hindert.

Was entstand, waren Briefe an eine Krankheit und an (Verlust-)Ängste, an die eigene Fluchttendenz, innere Ohnmacht und an das grenzenlose Verantwortungsbewusstsein. Bezaubernde kurze Dokumente voller Zorn und warmherziger Verzweiflung, voller zerzauster Zuneigung und selbstironischem Witz, voller Entschlossenheit und Akzeptanz.

„Ich lasse das Leiden nicht gehen, bevor es mir nicht sein Geheimnis verraten, seinen Schatz offenbart hat“, sagte einmal sinngemäß ein israelischer Rabbi. In diesen aus dem Moment heraus entstandenen Liebesbriefen blitzten die Schätze in den Beschwernissen auf, die unser Kriegsenkel-Sein zu einer so speziellen Ressource machen.

Einiges mehr zu unserem Ansatz „Resilienz für Kriegsenkel“ haben wir in einem Beitrag zu dem Sammelband NEBELKINDER aufgeschrieben.

Das nächste Mal sind wir zu diesem Thema am 6.-9. Februar 2018 am Benediktushof, dann mit einem Angebot für Kriegsenkel in Führungsverantwortung.

Begriffe kommen ja schnell auf den Hund, werden windelweich oder „missbraucht“. Kaum ist RESILIENZ auch im kollektiven Wortschatz unseres Kulturkreises aufgetaucht (in den USA gehört der Begriff schon seit Jahrzehnten zum guten Sprach-Ton vieler seriöser Disziplinen) und beginnt etwas zu meinen – so ist u.a. Rob Hopkins als Initiator der TransitionTown-Bewegung der Ansicht, Resilienz sei als Begriffscontainer deutlich fassfähiger als Nachhaltigkeit und letztere greife ohne erstere zu kurz -, melden sich auch schon wieder die Mahnenden zu Wort: Jetzt wolle wieder jedeR mitreden, kaue auf dem Begriff herum und nehme ihm so jedes wissenschaftlich-trennscharfes Aroma. Und außerdem sei das doch wieder nur ein neuer Trick, um Menschen zur Anpassung an die Gegebenheiten zu überreden.

Davon einmal abgesehen: Wir kümmern uns um Resilienz für Kriegsenkel, zB am kommenden Wochenende im Benediktushof. Wie auch immer andere diesen Begriff verstehen – uns geht es im Wesentlichen darum, unseren Generationengeschwistern Hilfreiches gegen Erschöpfung an die Hand zu geben, und sie zu Widerstand gegen Lebensfeindliches zu ermutigen. Für uns bezeichnet Resilienz eben nicht die Widerstandskraft gegen Veränderung (sich zusammendrücken lassen und danach wieder in die vorherige Form zurückzuspringen, als sei nix gewesen), sondern die Energie für Durchlässigkeit im stetigen Wandel – und den Mut, Unerträglichem aktiv zu widerstehen.

Wie viel Angst, Lähmung, Rückzug, Geschichten, Ausweichmanöver, Fluchtimpulse der Hinweis auf Auschwitz noch immer auslöst. Gut, dass es noch nicht überall Gewohnheit ist; gut, dass es Menschen noch erreicht, nicht in der Unmenge von Reizen, die ja täglich auf uns einströmen, untergeht. Gut, dass es noch Momente auslöst, in denen nicht alles wie gewohnt geht.

Das Kontemplieren der Frage „Was, wenn DIE ANDEREN unerträglich werden?“, verbunden mit einer Lesung aus AschePerlen und dem Erzählen von der ZenPeacemakerPraxis in Auschwitz-Birkenau am 5.3. im Bonner Paramita  hat es ein weiteres Mal gezeigt: Das Thema, der Ort, all die unmittelbar auftauchenden Bilder und Gefühle dazu treffen weiterhin ins Herz, und nur wenige mögen sich dem freiwillig – an einem schönen vorfrühlinghaften Sonntagabend – aussetzen. Was dann dort im Kreis geteilt wird, ist es wie immer wert: Die Geschichten von Müttern und Vätern, vom eigenen Beschädigtsein und vom Damit-Umgehen; das Nicht-Wissen, die Entwaffnetheit angesichts der kollektiven Geschichte und dessen, was in der Welt derzeit (wieder) geschieht. Im Zuhören und wahrhaft Sprechen entsteht Verbundenheit; indem wir dem Gewicht des Lebens nicht ausweichen, wird es – gemeinsam, geteilt – tragbar.

Ein Gast stellt mit leisem Staunen fest, als er die Plastiksuppenschale in der Hand wiegt, die ich als Redestück ins Kreisgespräch gegeben habe (die Schale, aus der wir während der Auschwitz-Retreats außerhalb des Stacheldrahtzauns der Lager mittags etwas Suppe löffeln): „Ich wollte sie erst gar nicht nehmen; es klingt alles so schwer. Aber jetzt, wo ich mich überwunden habe, sie in die Hand zu nehmen, merke ich: Sie ist eigentlich leicht.“

Rhythmus

 

Du Morgenhimmel

bist meine Augenweide

so werde ich Tag

 

 

 

Du Abendhimmel

bist meine Augenweide

bald werde ich Nacht

Tore öffnen sich

vor zweiundsiebzig Jahren

einsame Freiheit

(Haiku, 27.1.2017)

Meditation auf der Selektionsrampe in Birkenau, November 2015. Foto: Andrzej Krajewski

 

 

 

Was öffnet sich heute?

Ich gehöre ja eigentlich nicht zu denen, die ihre Beiträge gern selbstgefällig einleiten mit „Schon in meiner Magisterarbeit vor 30 Jahren habe ich mich mit dem Thema Fragen beschäftigt…“ – Also – auch wenn ich das tatsächlich habe, geht es mir heute um ein frischeres Erlebnis:

Fotos: Amr Keshk

Vergangenen Samstag 21.1. konnte ich in einer Flüchtlingsunterkunft in Siegburg mit rund 15 (ja, in etwa – mal waren es 12, dann wieder 19… es war ein Kommen und Gehen) dort Wohnenden überwiegend aus Syrien und Afghanistan einen speziellen Workshop machen: Fragen üben.

Der Impuls kam aus dem Kunst-Projekt „Im Namen der Wellen„, wo Marguerite und eine Menge weiterer Leute gemeinsam mit geflohenen Menschen Performances, Rauminstallationen und Ausstellungenn erarbeiten. Bei den Proben für die erste Performance sind sie darauf gestoßen, wie wichtig Fragen sind (durchaus auch im Vergleich zu Antworten, die sofort wieder alles auserklären). Und wie sehr es von der Art der Frage abhängt, ob du eine Antwort bekommst, bzw. was für eine.

Fragen sind eine freundliche und dabei steuernde Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, Kontakt zu machen (tatsächlich bin ich seit meiner Magisterarbeit, in der ich konversationsanalytisch herausarbeitete, wie Frauen Themenwechsel initiieren und damit Gespräche steuern – nämlich über Fragen – mit diesem Thema verbunden). Zugleich entsteht eine zarte Sensibilisierung dafür, wie kostbar es ist, Fragen stellen zu können: Ein demokratisches Grundrecht (auch wenn es auf der politischen Bühne oft genug zur Farce wird). Auch dazu wollen die Leute von „Im Namen der Wellen“ einen co-kreativen, gemeinsamen Erfahrungsraum öffnen.

In dem Nachmittagsworkshop sind wir gerade mal den Unterschieden zwischen öffnenden (offenen) und schließenden (geschlossenen) Fragen auf die Spur gekommen; für viel mehr reichten Sprachkenntnisse und Konzentration nicht. Die Fragen, die dabei herauskamen, beschäftigen mich noch – geschlossene Fragen mit weitem Fokus, die einem das einfache JA oder NEIN als Antwort gar nicht so einfach machen, wie diese hier:

Ist das Deutschland? – Bist du verliebt („flipt“)? – Magst du Ausländer?

… oder offene Fragen, die ganz schön ran gehen, wie die:

Warum immer „Ladies first“? – Wenn du Krieg hättest, was würdest du tun? – Was machen wir in Zukunft?

Aus einer Beispielliste von öffnenden Fragen, die wir Menschen stellen können, an denen wir wirklich interessiert sind, gefiel den meisten Workshoppern übrigens am besten diese:

WER BIST DU?   – – – –   (wie würdest du darauf antworten?)

Eine spannende Erfahrung, dieser Nachmittag mit besonderen Kriegskindern. Und natürlich wurde danach gekocht, gegessen, gefeiert, getanzt.

Es geht jedenfalls weiter mit diesem Projekt; vielleicht sind einige der Workshop-TeilnehmerInnen schon bald in Bonn als „Fragen-Scouts“ unterwegs, und am 11.2. gibt es die nächste Performance…

AnkunftsKüche. gemeinsam zuhause kochen

Neuerdings verbindet sich etwas mit Kunst und hier ankommenden Menschen aus kriegerischen Herkunftsländern. Ich mache mit bei etwas, was die Freunde Daniel und Jennifer Hoernemann mit ihrer Art, öffentlich zu kommunizieren, ins Leben gerufen haben:

AnkunftsKüche*ArrivalKitchen. gemeinsam ankommen

zusammen kochen, zusammen essen, zusammen einen selbst gebauten KüchenRaum zum Zuhause machen: In der  AnkunftsKüche begegnen wir uns in unseren Kulturen und Ritualen rings um Wärme, Nähe, Nahrung. Eine dörflich-gesellschaftliche Geste des Sich-Verständigens und Einander-Beheimatens.

Zum Mitmachen eingeladen sind Jugendliche und Erwachsene mit ihren verschiedenen kulturellen Hintergründen und Migrationserfahrungen.

Von mir sind dabei gefragt: Wort, Text, Öffentlichkeitsarbeit, KreativMitdenken. – Na gerne.

Ende 2016 gab es ein Künstler*innen-Abendessen dazu, dann den ersten open-air-Auftritt auf dem Adventsbasar Vilich-Müldorf (Zeitungsbericht dazu: hier). Jetzt kommt am 21.1. die Fragen-Begegnung mit Bewohner*innen einer Notunterkunft für geflohene Menschen – in Kooperation mit der Initiative Im Namen der Wellen (dazu auch bald mehr).

Mehr über Daniel, Jennifer und CommunityArtWorks

 

Wer ganz Hollywood als kunstvolle Versammlung von „Fremden“, Ausländer*inne*n und Mischkulturellen betitelt, spricht zwar eigentlich Selbstverständliches aus. In den gegenwärtigen Zeiten rund um die Inthronisierung des nächsten US-Präsidenten gilt dies aber wohl sogar als mutig, als Akt aufrechten Bürger*innen-Sinns. Meryl Streep hat’s getan, in ihrer Dankesrede zur GoldenGlobe-Verleihung für ihr Lebenswerk: No Otherizing, but We’erizing – Wir alle sind „die Anderen“.  WIRisieren statt ANDERisieren.

Sie schließt mit einem wirklich schönen kleinen Reim – ermutigend nicht nur für die gerührt lauschende Star-Zunft, sondern für uns alle, die wir manchmal meinen, vor Schmerz und Leiden an der Welt nicht weitermachen zu können:

Take your broken Heart, make it into Art

Nimm dein gebrochenes Herz und mache Kunst daraus

Schreibende braucht das Land!

Raus ist sie – die Bewerbung zur RegionalSchreiberin 2017.

NRW findet, es könnten doch wirklich in ihren Landesteilen mehr Worte gemacht werden, und darum sollen im Sommer 10 Sprachbegabte 4 Monate lang in den 10 sogenannten KulturRegionen des Bundeslandes unterwegs sein, Sagbares aufspüren und verbal-medial multiplizieren.

stadt.land.text heißt diese förderliche Initiative.

Drückt mir die Daumen – ich will RegionsBiografin sein!

Otherizing – Anderisieren

Meine amerikanische Freundin Judith Levi machte mich jüngst in einer ihrer Mails, in denen sie – wie so viele in den letzten Wochen – ihre Gedanken über Trump-elect mitteilte, auf den Begriff OTHERIZATION aufmerksam.

Das damit bezeichnete Phänomen ist nicht neu: Für dieses Wahlergebnis, für die Wirtschaftskrise, für alle Kriege der Welt, das eigene Unwohlbefinden und im Zweifel sogar das Wetter „die Anderen“ verantwortlich zu machen.

Typische Handbewegung: Mit ausgestrecktem Zeigefinger entschlossen auf die (vermutete, vermeintliche) Quelle des Missmuts deuten, oder jedenfalls in die Richtung (weil man manchmal ja nicht so genau weiß, wo „DIE“ genau sind).

OTHERIZING kursiert offenbar erst seit wenigen Jahren in der englischen Sprache; eine Nutzerin reklamiert das Erfinden des Begriffs in der Huffington Post 2013. Im Deutschen hat er, soweit ich das kollektive Sprechen in unserer Republik beobachte, noch keine Entsprechung gefunden. Möglichkeiten: ANDERISIEREN, oder auch kurz ANDERN (FREMDELN ist hierfür eindeutig zu „nett“, zu niedlich).

Es schafft Aufmerken, Innehalten, wenn für Bekanntes ein neues Wort entsteht. Hier wird ein Pronomen zur Grundlage einer Verb-Form genommen – eine eher ungewöhnliche Art der Wortbildung, und so Aufmerksamkeit triggernd. Es gibt meist gute Gründe, wenn Sprache von ihren Nutzer*inne*n so schöpferisch genutzt wird und diese Kreationen es dann auch über den privaten Gebrauch hinaus in die Medien und Diskurse schaffen:

Die uralte, wie es scheint „naturgegebene“ Aufteilung einer wachsenden Menschheit in Stämme, Gruppen, Nationen und Clubs aller Art hat offenbar eine neue Qualität von Schädlichkeit erreicht, die ein neues Wort verdient.

Und der Terminus OTHERIZING zeugt auch von der Weisheit seiner Schöpfer*innen: Er verweist auf die Quelle jeglichen Zwists, Streits, Kommunikationsabbruchs und Kriegs. Egal, wie die Begleitumstände auch immer sind, wie groß oder unbedeutend der Anlass: Immer ist das Durchschneiden der humanen Nabelschnur zum Mitmenschen der Ursprung, das Sich-Trennen von der Geschwisterlichkeit, die uns alle unter der Oberfläche der Verschiedenheit verbindet.

Auch wenn es noch so abstoßend, verwerflich, unerträglich ist, was ich Menschen tun sehe – ich will unbedingt versuchen, dieses brüchige Band nicht reißen zu lassen. ME-ing statt OTHERizing, so to say.

P.S.: Judith Levi kommt übrigens im März wieder auf Lesereise nach Deutschland, auch nach Bonn – mehr dazu demnächst.

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